über den wolken

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Carla Wagener fliegt
Unsere Geschäftsleitung hat angeordnet, dass jetzt alle Flüge mindestens 14 Tage im Voraus gebucht werden sollen, da die Tickets dann günstiger sind. Ich finde das klasse! Denn Vorfreude ist ja bekanntlich die schönste Freude.

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Ich fliege echt gern, egal ob in den Urlaub oder geschäftlich. Und jetzt kann ich mich noch länger auf den nächsten Flug freuen. Für mich ist dieses Verpflanztwerden von A nach B nämlich eins der letzten Abenteuer unserer zivilisierten Gesellschaft. Bungee Jumping? Geschenkt. Dieser Kurzflug per Gummiseil kann gegen den Nervenkitzel vor, auf und nach einem Flug – ob Kurz- oder Langstrecke – nicht anstinken. Und nein, ich habe keine Flugangst. Es geht schon beim Suchen und Buchen los: Ist das angegebene Ziel überhaupt das, zu dem ich will, oder ein Regionalflughafen irgendwo in der Pampa? Welche Zusatzgebühren haben sich listig hinter dem sensationell günstigen Preis versteckt und warten nur auf meinen „Bestätigen“-Klick, um sich dann wie von Zauberhand auf die Gesamtsumme zu schlagen? Diese vorwitzigen kleinen Dinger!

Jetzt kann ich mich schon zwei Wochen vorher mit den vielen Fragen beschäftigen, die mir vor einem Flug so in den Sinn kommen: Wie lang wird die Schlange am Check-in sein? Habe ich Übergewicht, äh: Übergepäck, und merkt es einer? Werden wieder diese Profis dabei sein, die bei Überbuchung bereitwillig ihren Platz freigeben, um die Entschädigung dafür einzuheimsen? Wird es am Gate endlich mal klappen, dass die Passagiere sich an die Reihenfolge des Aufrufs halten? Oder strömen sie wieder alle gleichzeitig zum Ausgang, weil man ja nicht sicher sein kann, ob das Ding nicht doch ohne einen abhebt?

Später an Bord bleibt abzuwarten, wie der Kampf um die Gepäckfächer ausgeht und ob sich die Fluggäste mit Gangplätzen wieder mal zuerst hinsetzen, damit sie wenigstens vor dem Start noch ein bisschen Bewegung durch Aufstehen, Rumpfbeugen, Strecken, Durchquetschen und Wiederhinsetzen kriegen. Es folgt ein eher kurzer Spannungsmoment: Was für einen Sitznachbarn lost mir das Schicksal zu? Brauche ich Augenklappen und Ohrstöpsel oder wird es auch ohne gehen? Darauf kann ich mich jetzt schon zwei Wochen lang freuen. Dann kommt der Start, den ich besonders mag: Ich liebe dieses Kribbeln im Bauch, dieses In-den-Sitz-gedrückt-Werden und das Gefühl, der Steigflug höre nie auf.

Nach Erreichen der Reiseflughöhe die Verköstigungsroutine. Karren rumpeln durch den Gang, ich zähle mit: Wie viele Reihen noch bis Tomatensaft? Eine Airline hat mal untersuchen lassen, warum das rote Zeug in 10.000 Fuß Höhe so beliebt ist: weil dort die Geschmacks- und Geruchsnerven schlechter funktionieren. Man schmeckt und riecht aufgrund des in der Kabine herrschenden Unterdrucks Speisen und Getränke abgeschwächt – als ob man einen Schnupfen hätte. Warum das mit dem unzureichend gelüfteten Sitznachbarn oder der übermäßig parfümierten Vorderfrau leider nicht funktioniert, hat allerdings noch niemand erforscht.

Ja, der Duft der großen weiten Welt ist in der Kabine zuweilen ein bisschen abgestanden. Trotzdem freue ich mich jetzt schon auf meine nächste Reise über den Wolken. Manche meiner Kollegen finden die 14 Tage ja zu lang, das sei ihnen zu unflexibel. Ich finde es toll. Es gibt so vieles, worüber ich vorher schon grübeln kann.

Da vergeht die Zeit wie im Flug.

Erschienen in: CWT Connect Magazine, Ausgabe 03-2012

Illustration: Matthias Seifert

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Texterin, Redakteurin, Kolumnenschreiberin und Rumreiserin.

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2 Kommentare

  1. Der abgestandene Duft der großen weiten Welt ist super und dein Text kommt gerade zur rechten Zeit, denn zwei Wochen warten könnte gut für alle Lufthansakunden gelten.
    LG
    Nik